Die bösen Profitmacher in Berlin

In einem m.E. ziemlich links-korrekten Weblog/Geschichtsprojekt http://www.berlinstreet.de/12968 las ich über den Wohnungsmarkt im Berlin in den 1920er Jahren:

Die Hausbesitzer stopften die Wohnungen bis zum Bersten voll, um dort jeden nur möglichen Profit herauszuholen.

Stell dir vor, du hättest damals gelebt. Ein reicher Mensch bekommt vor seinem Tod ein schlechtes Gewissen, und verschenkt seine Immobilien an eine kirchliche Einrichtung, an eine staatlich-preußische Einrichtung, und an dich, um damit Gutes zu tun.

Du bist jetzt Eigentümer und Verwalter eines Wohnblocks im Berlin der 1920er jahre mit 450 Bewohnern. Was machst du?

Natürlich erst mal die Mieten senken, sozial wie du bist.

Auf Null geht nicht, denn der Staat verlangt Steuern, die Stadt Berlin Abgaben, und so fort. Das ist mehr Geld im Monat als du im Jahr verdient hast – das mußt du den Mietern schon durchreichen. Auch gibt es bei so einem großen Gebäude immer etwas zu reparieren; und die Handwerker wollen auch von etwas leben. Also, notwendige Kosten, aber kein Profit. Du bietest deinen Wohnraum zum Selbstkostenpreis an und lebst von Geschenken oder gehst mit dem Hut rum.

Gutes Gewissen soweit?

Eine Familie steht vor deiner Tür, Arbeiter, Hausfrau, vier Kinder; sie sind erschöpft von der langen Reise aus dem Osten. Daheim gab es keine Arbeit mehr; hier hoffen sie auf eine Zukunft. Und sie brauchen eine Unterkunft. Sie kommen zuerst zu dir, weil du ein Herz für Arme hast.

Und nun? Weist du sie ab, damit die Leute in dem Wohnblock nicht enger zusammenziehen müssen – oder bringst du sie irgendwie unter?

Was ist mit den nächsten, die kommen? Wo ziehst du die Grenze? Wirfst du womöglich Mieter raus, die zu eng wohnen, damit jeder seine Quadratmeterzahl bekommt? Wie sieht es jetzt mit dem guten Gewissen aus? Oder nimmst du so viele auf, wie du gerade noch verantworten kannst?

 

Auch ohne “jeden nur möglichen Profit herauszuholen” gibt es Gründe, daß in einer Großstadt der Wohnraum knapp wird: die Migration von Menschen, die dorthin wollen. Und genau die hat damals in Berlin stattgefunden.

Daß viele sich daran kräftig bereichert haben, stimmt. Aber das hätten sie nicht inszenieren können – sie haben nur am bereits aufgetretenen Phänomen profitiert. Und der oben zitierte Satz ist daher falsch: Nicht die Besitzer stopften die Wohnungen des Profits wegen voll. Sondern die Mieter kamen so reichlich, daß sie selbst die Wohnungen vollstopften – und die Besitzer zogen Profit daraus.

Bei allem sozialen Mitgefühl: Bitte Verstand verwenden! Wenn man die Ursachen ideologisch verklärt, kann man keine funktionierende Abhilfe schaffen.

 

Update:

Konstruktiv zur Lösung der Wohnprobleme beitragen können Baugenossenschaften und kommunaler Wohnungsbau (solange die Kommune dann nicht privatisiert!)

Vorbildlich: Wiener Gemeindebauten

Berlin: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/weltkulturerbe/siedlungen/hintergrund.shtml

 

 

 

 

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