Modekrankheiten

Kind hat Probleme, Kind macht Probleme. Soweit, so normal.

Da sagt beispielsweise die Omma, weil sie dazu etwas in Talkshow, Yellow Press usw. aufgeschnappt hat: Das Kind hat X.
Und Omma widerspricht man nicht, also ist die Behauptung in der Welt, verbreitet sich in der Verwandtschaft, wandert weiter und erreicht irgendwann Bekanntenkreis, Eltern anderer Kinder, Lehrer.

Wenn man für X nicht geächtet wird, ist es auch praktisch als  Diagnose zur Hand zu haben. Auf “Ich habe gehört, ihr Kind hat X” *Verständnissignale* zu entgegnen “nein, das ist noch nicht sicher, wir wissen nicht was es ist” ist unangenehmer und anstrengender, als darauf bestätigend zu antworten und andere Probleme zu subsumieren.

Und ohne je eine fachliche Beurteilung durch Arzt oder Therapeuten erfahren zu haben, hat das Kind dann X.
Dabei hat es in Wirklichkeit Y – oder gar nichts – oder tatsächlich X, aber das X wird nicht richtig behandelt, denn es ist ja weiterhin Laiendiagnose und Laienbehandlung nach Hörensagen.

Auch Ärzte und Psychologen sind Menschen und nicht davor gefeit, Trends zu folgen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war die Sammeldiagnose “Schizophrenie”, und das heutige falsche Bild davon, was Schizophrenie sei, wurde über Jahrzehnte geprägt. Die Fachwelt hat sich korrigiert, differenziert, genauere Diagnosen und später Behandlungsmöglichkeiten entwickelt.
Aber lange Zeit hatte man den einen Begriff, der auch durch Medien verbreitet wurde. Bei den Laien hat sich dieser Begriff festgesetzt, falsch festgesetzt – dissoziative Persönlichkeitsstörung ist etwas ganz anderes – und wird weiterhin benutzt.

Das meine ich mit Modekrankheit: Eine echte Erkrankung erfährt zu starke mediale Präsenz, so daß Laien sich den Begriff aneignen und ungehemmt benutzen. Die Krankheit wird Personen zugeschrieben, die sie nicht haben; irgendwann fällt das auf, und dann wird die Diagnose abgetan – weil nicht klar ist, ob ein Arzt oder ein Schwätzer sie ausgestellt hat.

Für die von der tatsächlichen Krankheit betroffenen ist das schlecht, denn jetzt wird ihre echte Erkrankung nicht mehr so ernst genommen.
Aber vielleicht ist das eine notwendige Heilungsphase der sozialen Erkrankung “Modekrankheit”, in welcher etwas seinen Mode-wert verliert, so daß der Begriff danach wieder seiner eigentlichen Bedeutung zugeführt werden kann – und wenn die Talkshows und die Gesundheitsrubrik der Fernsehzeitung endlich darüber schweigen, kann wieder sachlich darüber geredet werden.

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